Ein langer erster Tag

Ein strahlender Auftakt: Das Wetter – ideal. Wie schön für die mehr als 2500 Jugendlichen, die heute zu den Treffen der Firmlinge und Weltjugendtagsbegeisterten in die Stadt kommen! Aber auch die Erwachsenen dürfen es genießen. Der Bereich von Hauptmarkt, Sternstraße, Domfreihof und Liebfrauenstraße hat sich in eine regelrechte Kirchenmeile verwandelt, auf der buntes Treiben herrscht.

Am Abend sehe ich innerlich noch vor mir die Gesichter der vielen Menschen, denen ich heute begegnet bin:

– Ich sehe die Gesichter der Jugendlichen in der Antoniuskirche, denen ich klarzumachen versuche, dass wir nur deshalb mit Gott auf Tuchfühlung gehen können, weil Gott zuerst mit uns auf Tuchfühlung gegangen ist – in Jesus. Ich greife zum Bild vom Trikottausch der Fußballer: Zeichen der Freundschaft jenseits von Gewinnen und Verlieren, trotz Schweiß und Schmutz… So will Gott mit uns tauschen: Er nimmt Menschenkleid an, geht in unsere Haut, um uns mit seinem göttlichen Lebens-Gewand zu umhüllen. Die Gabenprozession der Messdienerinnen mit den weißen Röckeln macht das überraschend anschaulich, finde ich. Wahrscheinlich aber wird den Jugendlichen weniger meine Katechese zum Heiligen Rock in Erinnerung bleiben als die nicht ganz so heilige Rock-Musik vor und nach dem Gottesdienst …

– Ich sehe die Gesichter der jungen Leute aus Püttlingen, die zur Freude der Pilger und Touristen im Info-Zelt der „Aktion Arbeit“ echt saarländische Schwenker mit den dazu gehörigen Spezialgabeln fabrizieren.

– Ich sehe das Gesicht der Frau, die mich dort anspricht und mir mit Bitterkeit erzählt, dass ihre Tochter trotz guter Ausbildung wegen einer Erkrankung keinen Arbeitsplatz bekommt. Auch die Kirche habe sie in dieser Situation im Stich gelassen, sagt sie, und lässt mich ratlos stehen.

– Ich sehe die vielen Jugendlichen, die an der Stadtrallye teilnehmen und mich fragen kommen, wieviele Petrusdarstellungen sich auf dem Hauptmarkt finden. Anscheinend glauben sie, ein Weihbischof müsse das aus dem Effeff beantworten können. Doch was wissen sie schon von dem Petrus im Stadtwappen, das sich in Trier auf jedem Kanaldeckel findet …

– Ich sehe die vier Mädels, die ich vor kurzem gefirmt habe und denen ich gerne eine Cola ausgeben möchte, dann aber feststelle, dass mein Kleingeld längst nicht mehr reicht. Gott sei Dank habe ich beim Chef des Verpflegungszeltes Kredit.

– Ich sehe die junge Frau im Taizégebet: Ganz gesammelt sitzt sie in ihrem Rollstuhl und überlässt sich den wiederkehrenden Gesängen: Bonum est confidere in Domino – Gut ist es, dem Herrn zu vertrauen. Doch da ist von dem großen Licht dieses langen Tages nur noch der kleine Schein der vielen Teelichter übrig.

2 Responses to “Ein langer erster Tag”

  1. Willkommen in der Blogosphäre! Freut mich, dass Sie sich dazu entschieden haben ein Blog zu den Heilig-Rock-Tagen zu führen. So kann ich auch aus der Ferne ein wenig dabei sein. Weiterhin viel Erfolg, insbesondere auch mit dem Wetter.

  2. Astrid Baumgärtner sagt:

    Das war es was mich 1996 so faziniert hat. Das ungeteilte Kleid.
    Er hat Kleider getragen und war ein Mensch wir ich, du, wie alle.
    Und eine Gemeinschaft von Menschen die so groß war.
    Mein Gott was sind wir viele.
    Das tat damals gut und tut es noch heute.

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