Archive für 27.4.2007

Planung und Segen

Freitag morgen, 8.30 Uhr, Sitzung Bischofshof: Das Bistumsfest wird für gut zwei Stunden unterbrochen. Ernüchternde Alltagsarbeit ist angesagt: Die Steuerungsgruppe unseres Bistumsprozesses “Projekt 2020″ stellt dem Bischof und den Weihbischöfen die aktualisierte Fassung des Strukturplans vor. Ungezählte Rückmeldungen aus den Pfarreien und Dekanaten sind vom Projektbüro gesichtet und eingearbeitet worden. Bevor es in die nächste Beratungsrunde mit dem Priesterrat und dem Pastoralrat geht, wird der Plan intern noch einmal Dekanat für Dekanat durchgeschaut und besprochen. Seite um Seite wird das Bistum irgendwie vor uns aufgeblättert: Gesichter tauchen auf, Gespräche, Briefe, Anliegen …

Vieles ist zustimmungsfähig, aber so manches wird schier unlösbar bleiben und Enttäuschung hervorrufen, so oder so. Bei mancher Frage rettet mich in dieser Sitzung nur der Griff nach den süßen Schokoladeneiern, die im Schälchen vor mir auf dem Tisch stehen … Wie wir es auch drehen und wenden - selbst in diesen Heilig-Rock-Tagen: das Kleid unseres Bistums ist an vielen Stellen weit und löchrig geworden. Die Fäden müssen neu zusammengebunden werden.

Szenenwechsel: 15.20 Uhr, Dom: Bischof Reinhard spricht in seiner Predigt von unserer Verantwortung für das Klima. Nach wenigen Sätzen wird klar, er meint nicht die Erderwärmung sondern das Klima zwischen uns Menschen. Auch dafür tragen wir Verantwortung, gerade als Christen. Merkt man uns an, dass wir aus dem Segen Gottes, das heißt aus seinem liebenden und aufrichtenden Zuspruch heraus leben? Das wäre ein Dienst gegen die Niedergeschlagenheit so vieler Zeitgenossen.

Dann, zum Schluss der Messe, ergeht an die Mitfeiernden die Einladung, sich einzeln von den anwesenden Bischöfen und Priestern segnen zu lassen für die eigenen oder auch die Anliegen anderer Menschen. Wieviele werden wohl auf dieses Angebot eingehen, frage ich mich gespannt. Wird das funktionieren? Für den Dom ist das eine Premiere. Der Bischof macht den Anfang und bittet um den Segen für sich und sein Amt. Dann geht es wie von selbst: Mit großer Selbstverständlichkeit und Intensität wird die Einladung angenommen, und es bilden sich Menschentrauben um die Segnenden. Dabei darf alles sein: Tränen aus Not und Rührung ebenso wie die Bitte um den Dreifach-Segen einer amerikanischen Touristin, die mir zusammen mit sich selbst zugleich ihren Enkel und einen Rosenkranz hinhält.

Lila und Gold

Mitunter wird man als Bischof engagiert, um mehr Farbe ins Bild zu bringen. Ein Pressefoto mit etwas Lila zieht Blicke an. So gehe ich am Morgen zu einer Veranstaltung der Caritas: 200 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die sich bei einem der sogenannten Tafelprojekte im Bistum engagieren, sind gekommen zu einem Tag der Begegnung und des Gedankenaustauschs. An 17 Orten, vom Rhein bis an die Saar, gibt es bereits eine “Tafel”, wo Bedürftige zu einem symbolischen Preis Lebensmittel kaufen können, die vorher von Einzelpersonen oder Läden gestiftet worden sind. Erschreckend und erfreulich zugleich: die Zahl solcher Tafeln wächst. Beeindruckend das Engagement der vielen Ehrenamtlichen, die viel Zeit investieren, um die Lebensmittel zusammenzubringen oder sie an die Kunden auszugeben. Für diesen guten Zweck ziehe ich gerne die “Uniform” an und lasse mich einspannen: Mit Herrn Junk, einem Profikoch gehe ich zur Trierer Tafel zum “Einkauf”. Mit beladenen Kartons und unter fotografischem Beschuss kehren wir zurück. Dann gibt Herr Junk Tipps, was man aus einfachen Zutaten alles zaubern kann, und mir läuft schon vor Zwölf das Wasser im Mund zusammen.

Am Nachmittag finde ich dann endlich die Zeit, ein wenig den Domkreuzgang zu durchstreifen. Er bietet in diesen Tagen eine gewagte Mischung von altehrwürdigem Gemäuer und farbenfrohen Kleinkunstwerken aus Karton, Papier und Leinenstoff, die die Kinderpilger verfertigt haben.

Ich schließe meinen Rundgang mit einem Abstecher in die neu eröffnete Kapelle, die dem im 4. Jahrhundert nach Trier verbannten Kirchenvater Athanasius von Alexandrien geweiht ist. Nach dem Willen von Bischof und Domkapitel soll die Kapelle auch ostkirchlichen Gruppen zum Gottesdienst zur Verfügung stehen. In diesen Tagen dient sie als Raum der Stille. In ihr umfängt mich nicht nur eine erfrischende Kühle. Ich werde geradezu in eine andere Welt versetzt: In der Spätnachmittagssonne glänzt der Goldgrund der Ikonenwand mit besonderer Intensität. Ich setze mich und merke: Die Menschen, die den Raum betreten, werden unwillkürlich still.

Ich schließe die Augen und sehe vor mir das Bild, das ich in diesen Tagen so oft sehe: Menschen wandeln neugierig und respektvoll zugleich durch den Dom, durch seine Krypten und Kapellen; erkunden diesen über Jahrhunderte gewachsenen Raum des Glaubens. Für mich ein schönes Bild dafür, was der Auftrag der Kirche in unserer, wie in jeder Zeit ist: Menschen den Raum des Glaubens zu eröffnen, sie hereinzubitten, ihnen die nötige Bewegungsfreiheit zu geben und dabei mitzuhelfen, dass sie in diesem Raum Heimat finden.

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