Familie Gottes live

Nicht nur vom Volk Gottes und vom Leib Christi, auch von der Familie Gottes hat das Konzil gesprochen. Was in den Konzilsdokumenten feierlich und immer ein bißchen altertümlich klingt, darf ich heute live erleben. Am Morgen Messe im übervollen Dom: kfd-Gruppen aus dem ganzen Bistum sind zu ihrem Diözesantag angereist. Dazu kommen rund 400 Menschen mit geistiger Behinderung, die mit Familienangehörigen oder Begleitern da sind. Eine lebendige und unkonventionelle Gottesdienstgemeinde mit einer hohen Aufmerksamkeit der einen für die anderen. Einige der Behinderten verstärken sogar die Dom-Ministratur. Sie machen ihre Sache auf dem unbekannten Terrain gut und voller Stolz und auch die Wandlungsschelle ertönt heute ungewöhnlich lang und inbrünstig. 

Als der ganze Dom nach der Kommunion den „Schlager“ Gottes Liebe ist so wunderbar anstimmt und mit den bekannten Gesten bekräftigt, wirkt es überhaupt nicht kindisch. Vielmehr spüren alle instinktiv: Kind Gottes zu sein, das ist die Freude, die uns über alle Unterschiede hinweg miteinander verbindet.

Was wir Großen erst wieder lernen müssen, das wissen die Kleinen nebendran in der Liebfrauenkirche noch intuitiv: Zu jeder vollen Stunde singen dort heute die Pueri Cantores, Kinderchöre aus verschiedenen Teilen des Bistums. Sie singen und beten für den Frieden. Während ich in der Bank sitze, den Kinderstimmen lausche und den Blick über die in der Mittagssonne flammenden Fenster der Liebfrauenbasilika streifen lasse, steigt in mir ein Gefühl großer Dankbarkeit auf und ein von Bischof Reinhard häufig zitierter Satz: „Es ist gut, ein Mensch zu sein“ – dies umso mehr, wenn man zur Familie der Glaubenden gehören darf.

Als ich nach dem Mittag vor dem Dom wieder auf eine Gruppe von behinderten Männern in Rollstühlen treffe, lüftet sich unerwartet das Geheimnis um das inbrünstige Schellen während der Wandlung am Morgen: Einer der Männer zieht doch tatsächlich aus seinem Gepäck ein Prachtexemplar von Schelle hervor. Er hatte sie eigens von zu Hause mitgebracht und sie von seinem Platz irgendwo im Dom aus punktgenau zum Einsatz gebracht!

Am Nachmittag gönne ich mir mit Msgr. Wahl etwas abseits vom Getriebe einen Eiskaffee. „Weißt Du eigentlich“, fragt er mich, „woher die Redewendung ‚auf Tuchfühlung gehen‘ kommt?“ Wie oft habe ich das Leitwort in den letzten Tagen gehört, zitiert und darüber gepredigt, aber ich muss passen. „Ich wusste es auch nicht“, gibt er zu, „aber ein gebildeter Mensch hat mir erklärt, die Redewendung komme ursprünglich aus dem Militärischen: Soldaten, die sich im Unterholz voran robben, hat man ermahnt, miteinander auf Tuchfühlung zu bleiben, um sich nicht zu verlieren.“ – Ein schöne Erklärung, die geradezu spirituelle Qualität hat: Sie ermuntert dazu, im Gestrüpp und im Kampf des Alltags mit Gott Seite an Seite zu bleiben.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.