Nacht im Dom

Gegen Viertel vor Zehn gehe ich noch einmal in den Dom, um etwas von der Atmosphäre der sogenannten DomNacht, die bis zum Morgen andauert, zu erleben.

Als ich den Dom betrete, tanzt gerade auf der Altarinsel ein Balletttänzer zu Klezmer-Musik. Thema: David tanzt vor der Bundeslade. Ich setze mich in die Nähe des Taufbeckens. Trotz der bewegten Klarinettenmusik höre ich bald hinter mir einen Mann zischen: „Der Bischof müsste sich in Grund und Boden schämen, dass er so etwas zulässt.“ Ich versenke mich in das Programmheft, bin froh für die Dunkelheit und hoffe, dass ich nicht erkannt oder gar angesprochen werde. Mir kommt 2 Sam 6 in den Sinn, und ich denke: Michal lässt grüßen.

Ich wandere durch den Dom und steige die Chortreppen hinauf, um noch einmal zum Heiligen Rock zu gehen. Von hier oben wirkt das Mittelschiff wie ein dunkles Tal, über dem hoch oben der Domorganist in seinem spärlich erleuchteten Schwalbennest schwebt.

Inzwischen ist der Bischof eingetroffen. Er eröffnet die Lichtfeier und den Lesegottesdienst. Ich setze mich auf die oberste Treppenstufe, höre und warte, bis die Mitfeiernden unten im Dom sich zu einer Prozession formieren und zu einer Statio auf den Hauptmarkt ziehen. Nach einem kurzen Gebet in der stillen Heilig-Rock-Kapelle steige ich langsam hinab und verlasse den Dom. Von der Prozession ist nichts mehr zu sehen, sie scheint auf dem Markt angekommen zu sein. Ich wende mich nach rechts und gehe heim in dem Wissen: Der Bischof wird noch einige Zeit im Dienst sein, der Weihbischof aber geht jetzt schlafen.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.